Tanzen gegen den Irrsinn

Die bayerischen Grundschulen befinden sich im Endspurt. Nicht mehr ganz vier Wochen bis zu den Sommerferien.
Im Kollegium macht sich immer mehr Erschöpfung und LmaA-Gefühl breit. Da werden Filme geguckt, denn es lohne sich jetzt ja gar nicht mehr im Fach Hrmsprlf (hier Fach Ihrere Wahl einsetzen) noch ein neues Thema zu beginnen und Lust hätten die Kinder doch eh keine mehr. Auf gar nix hätten die mehr Lust. Durch seien die doch. Mehr als durch. Keiner passe da mehr auf.
Ich höre das mehrfach am Tag…ich höre zu, nehme auf, gehe in meine Klasse und beobachte ganz genau.
Am Nachmittag sitze ich auf meiner Terrasse und gehe in mich. Wirkten meine Schüler heute lustlos? Gelangweilt? Durch? Unwillig?
Nein, nein, nein und nein!
Die Radfahrprüfung ist geschafft (fast alle haben bestanden…man sollte es nicht glauben) und wir schweben auf unserer Führerscheinwolke. Wir sind stolz und trösten die, die einen zweiten Versuch vorbereiten. Da wird in den Pausen geübt und abgefragt.
Das neue Thema in HSU interessiert alle total und mit großer Ernsthaftigkeit werden hier wichtige Sorgen und Fragestellungen erörtert.
Unser Bücherwurm füllt mittlerweile eine Klassenzimmerwand (mehr als 50! Bücher haben wir in unseren beiden gemeinsamen Jahren gelesen…manche richtig dick und als Lektüre, andere ganz fix nur so zum Freuen) und erst gestern hat uns eines viel gelehrt und amüsiert.
Unser derzeitiges Vorlesebuch ist gerade extrem spannend (der Junge ist eben zum Werwolf mutiert!) und Laute der Entrüstung sind immer dann zu vernehmen, wenn die Vorlesezeit für diesen Tag vorbei ist.
Letzte Woche waren wir auf dem Bauernhof, dafür hatten wir viele Fragen vorbereitet und noch einige Tage beschäftigte das Thema die Schüler ganz von selbst. Die letzten Referate werden gehalten, Bücher ausgetauscht und nach den besten Bezugsquellen gefragt. Zu unserer letzten gemeinsamen Lektüre wollen wir das passende Theaterstück besuchen und wir stellen schon Theorien auf, wie das Buch, das wir so liebten, wohl auf der Bühne umgesetzt werden wird. In Mathematik wird gerade gebaut, um eigene Schrägbilder zu zeichnen. Kritisch wird da mit dem Partner verschoben und diskutiert.
Langeweile…ich sehe und spüre sie nicht. Versteckt sie sich zu gut? Bin ich zu kurzsichtig?
Ich glaube nicht…doch zur Sicherheit habe ich noch meine Tanzbibel herausgeholt und zwei richtig tolle Tänze für meine tanzbegeisterte Klasse eingeplant, auf die ich mich nun selbst wie ein kleines Kind freue.
Ach und ich habe noch ein Buch bestellt, das mir schon nach zwei Sätzen die Lachtränen in die Augen trieb. Nur für den Fall der Fälle 🙂

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Ferienselbstsabotage

Seit gut 2 Jahren wohnt die Mini-Familie Streng also nun im Hexenhäuschen, das schon beinahe 100 Jahre alt ist. Innen ist es schon faaaast fertig. Immer wenn man glaubt, dies sei aber nun die letzte Renovierungstätigkeit fällt einem ein, dass die Waschküche ja noch einen Fliesenboden braucht und das Carport noch vergrößert werden muss und und und.
Diese „Ferien“ sabotierten wir uns diesmal selbst, indem wir das Projekt Treppe in Angriff nahmen.
Aber es wäre ja unspannend, wenn alles einfach funktionieren würde. Dann wären wir nämlich schon seit ein paaar Tagen fertig und würden faul auf der (auch noch renovierungsbedürftigen) Terrasse die Seele baumeln lassen.
Doch das Treppenhaus hat sich gegen uns verschworen. Nicht eine, nicht zwei, nein drei Lack/Farbschichten traten unter dem aufgeklebten Teppich zu Tage. Seit einer Woche wird also nun bis spät in die Nacht gehobelt, geschliffen, gefeilt, lackiert und gestrichen.
Nach vielen, vielen Stunden Arbeit haben wir nun Rückenweh, Knieschmerzen, Muskelkater in den Armen und Lackflecken an den unmöglichsten Körperstellen, doch der Kampf ist noch nicht gewonnen. Die neue Farbe hät nicht überall, es bilden sich lustige Muster und an manchen Stellen platzt die neue Farbe einfach wieder ab sobald sie getrocknet ist. Heute wird also ein Speziallack aufgetragen, der es nun retten muss, da wir uns kaum mehr bewegen können.
Ach, ich freue mich auf Montag, wenn ich wieder in die „Arbeit“ darf.

Rad“fahren“

Ja, es ist wieder soweit. Der Fahrradführerschein nimmt uns voll in Beschlag.
Gestern war die erste praktische Übungseinheit mit der Verkehrspolizei dran.
Alle Kinder behaupteten zuvor, sie könnten hervorragend Rad fahren.
Was soll ich sagen: keiner hat sich etwas gebrochen (wenn auch nur haarscharf).
Drei Kinder können gar nicht Rad fahren und üben nun gemeinsam auf der Wiese neben dem Verkehrsübungsplatz.
Nur zwei Kinder sind als Geisterfahrer in den Gegenverkehr gerauscht.
Ein Kind fuhr gegen die Hausmauer (zweimal! An der selbe Stelle!).
Zwei Kinder bemühten sich, einen Geschwindigkeitsrekord aufzustellen.
Einer fiel vom Fahrrad beim Aufsteigen.
Einer kollidierte mit dem Vordermann, weil er zu sehr damit beschäftigt war dem von rechts kommenden die Vorfahrt zu nehmen.

Aber: das Wetter war gut.
Alles in allem: ein gelungener Auftakt!

Bergsteiger

Ich selbst bin leider keine Fee. Ich bin eher der weibliche Typ.
Und Sport fällt derzeit leider meist auch flach.
Dennoch kann ich gehen und das sogar zügig und bergauf. Jaha!
Diese Fähigkeit lassen meine vorpubertären Schülerinnen und Schüler leider vermissen,
man muss sie sehr nachdrücklich einfordern.
Während wir also einen kleinen Hügel in der Stadt bezwingen, höre ich hinter mir die Rufe der Gegeißelten:
„Frau Streng, ich kann nicht mehr!“
„Frau Streheng, meine Füße tun weh!“
„Frau Streng, du bist zu schnell!“
„Frau Streng, ich kann echt nicht mehr! Ehecht nihicht mehr!“
Oben angekommen ist die Klasse ungewöhnlich still. Mit letzter Kraft wird getrunken und geatmet, zum Reden und Springen ist keine Kraft mehr übrig.
Der Ausblick ist herrlich, es dauert jedoch bis die Kinder ihn genießen können, da sie zuerst ein wenig sterben müssen.
Ein paar Stunden später sind wir wieder (man ahnt es: zu Fuß) in der Schule angekommen.
Und nein, wir sind nicht stundenlang gelaufen, sondern knapp 30 Minuten hin und 30 Minuten zurück. Dazwischen wurde gespielt und wie zufällig Stadtgeschichte gelernt.
Wir müssen uns zuerst ausruhen (die Füße fallen fast ab!) und gaaaanz viel trinken.
Danach schreibt die Klasse zum Ausflug.
Stundenlang seien wir gelaufen, schon sehr früh morgens ging es los, den steilsten Berg ihres Lebens hätten sie erklimmen müssen,
noch nie hätte man sie gezwungen so weit zu laufen und das auch noch so schnell.
Der Ausflug war super, toll, das Wetter prima…wenn da nur nicht dieser grausame Hin- und Rückweg gewesen wäre.
Alles in allem also ein Nahtoderlebnis der besonderen Art.

Welttag des Buches

Schon vor den Ferien schürte ich das Feuer die Neugier.
Einen Ausflug würde es nach Ostern geben, an einen besonderen Ort und jeder würde dort ein Geschenk erhalten.
Tagelang rätselten die Kinder: um welch mysteriösen Ort könnte es sich handeln, was würde das Geschenk sein?
Am Freitag vor Ostern dann die Auflösung: Nach den Ferien darf die ganze Klasse mit mir in meine allerliebste Lieblingsbbuchhandlung.
Wir werden viel darüber hören wie Bücher entstehen, wie Schrift entstand, werden Buchstabenkekse essen, bekommen die neusten
Kinderbücher vorgestellt und am Ende darf jeder seinen Gutschein gegen das Buch zum Welttag des Buches eintauschen, das ihm dann gehört.
Als Plakat betrachteten wir vorab das Cover und vermuteten zum Inhalt, die Neugier wuchs.
Nach den Ferien ging es dann eeeeeendlich zur Buchhandlung.
Die Lieblingsbuchhandlung von Frau Streng. Eine Ehre! Das war jedem klar.
Meine Klasse zeigte sich von ihrer allerbesten Seite. Mucksmäuschenstill lauschten sie den Buchhändlerinnen, meldeten sich rege, zeigten sich interessiert. Nur einen Keks aß jeder („wir sind ja nicht zum essen da, gell Frau Streng“)
und mit besonderer Vorsicht wurden Bücher betrachtet und einige erworben (der einzige Ausflug, bei dem man Geld mitnehmen darf).
Der Heimweg war hart („dürfen wir beim Laufen wenigstens ein bisschen lesen?“ „Nur hinten den Klappentext, bitte!“ „Frau Streheng, können wir mal kurz Pause machen und ein bisschen lesen?“)
und die letzte Schulstunde umso enstpannter: Sofort wurde gelesen, gewissermaßen inhaliert. Man hätte eine Stecknadel fallen lassen können.

Freiwillig Wiederholen

Manchmal nötig, manchmal unnötig gewünscht von Elternseite, manchmal würde es nicht schaden, muss aber auch nicht zwingend sein, wie bei meinem heutigen Elterngespräch:
Ich sitze mit Frau Hernández zusammen und wir besprechen die Leistungen ihres Sprößlings. Er bemüht sich sehr, er geht so gerne in die Schule, die Leistungen sind aber immer noch recht schwach. Freiwilliges Wiederholen könnte sinnvoll sein, deute ich an und werde sofort unterbrochen:
Das Kind sei noch nie gerne in die Schule gegangen und liebt die Schule seit ich die Lehrerin sei. Jeden Nachmittag erhält die Mutter tiefe Einblicke in den vorausgegangenen Unterrichtsvormittag, da ihr jede strengsche Äußerung mit tiefer Ehrfurcht nacherzählt werde. Sie meint: „Ich könnte nicht besser informiert sein, wenn ich mich selbst um 8 Uhr zu Ihnen ins Klassenzimmer setzen würde.“
Und was ein evtl. freiwilliges Wiederholen angeht, das habe sie dem selbstbewussten Sohnemann gegenüber auch schon angedeutet und dieser habe sofort ganz klar Stellung bezogen: „Nein! Das kommt nur in Frage, wenn ich dann bei Frau Streng in der Klasse wäre. Zu einer anderen Lehrerin gehe ich nicht.“
Ach ja 🙂

Händchenhalten erwünscht

„Almabtrieb“ nenne ich das gerne, wenn am Ende der Pause zwei Lehrkräfte 200 Vierklässler von einen in den anderen Pausenhof scheuchen müssen. Raumgreifende Armbewegungen unterstützen meine Aufforderungen („Herrje, Suzanna, nun komm doch bitte da runter!“), Anfeuerungsrufe („Hoppigaloppi Joseph, jetzt aber schnell!“) und Drohungen („Sonst gehst du eben bei mir an der Hand hinüber!“). Verdutzt und geschmeichelt war ich, als gestern eine Schülerin aus der Parallelklasse strahlend antwortete: „Ich würde voll gern an deiner Hand laufen, Frau Streng!“ und mir die Hand hinstreckte.
Bester Job der Welt!

„Wer glaubt,

dass Schulleiter Schulen leiten, der glaubt auch, dass Zitronenfalter, Zitronen falten.“
Dieser Spruch hat mich so lange amüsiert, so lange es bei uns an der Schule einfach rund lief. Die Schulleitung war seit Jahren bei uns, sehr souverän, zu allen ein recht gutes Verhältnis, man durfte mitmischen, wenn man wollte und wurde gut unterstützt.
Nun haben wir seit ganz kurzer Zeit eine neue Schulleitung. Es läuft jetzt eher eckig als rund.
Und mir wird erstmals schmerzlich bewusst, wie sehr sich dies auf das Kollegium, das Miteinander und meine eigene Arbeitsmotivation auswirkt. Ich liebe meinen Job und die Arbeit mit den Kids erfüllt mich sehr. Wenn ich mich aber dabei ertappe, wie ich in der Pause lieber korrigiere als im Lehrerzimmer evtl dem Chef über den Weg zu laufen…dann merke ich, es läuft eher eckig…sehr eckig.