Saubande vs. wahre Engel

„Mit denen willst du einen Ausflug machen?“
„Die sind doch in zwei Stunden Reliunterricht schon kaum zu bändigen!“
„Durch die Stadt willst du mit dieser Saubande laufen? Und dann noch eine Museumsführung? Das klappt nie!“
„Da kannst du doch keinesfalls alle mitnehmen. Lass doch die schlimmen Jungs bei mir!“

Aber ich gebe ja nicht viel auf das, was andere über MEINE Klasse denken.
Ich bin die Klassenlehrerin, ich bin der Leitwolf. Wir hatten jetzt ein paar Wochen Zeit, um uns aneinander zu gewöhnen. Es gibt ein Belohnungssystem, Verstärkerpläne für einzelne Kinder, die Sitzordnung ist angepasst an verschiedene Bedürfnisse. Alle machen mittlerweile ihre Hausaufgaben, ich kann vorlesen ohne dass noch geflüstert oder geraschelt wird. Der soziale Zusammenhalt ist gewachsen, aus dem Fachunterricht kamen schon lange keine akuten Beschwerden mehr. Da wird es Zeit für unseren ersten Ausflug. Das Museum für moderne Kunst ist unser Ziel, die Praktikanten sind dabei (zur Not müsste eben jeder Student einen Störer an der Hand halten).
Vorab erkläre ich alle Regeln und warum sie gelten. Schon Wochen im Voraus schwärme ich immer wieder von der tollen Führung, die uns erwartet und dass mich der Mitarbeiter dort schon lange kennt. Jedes Mal war er beeindruckt, weil die Strengschen Klassen besonders leise, aufmerksam, höflich und respektvoll waren. Er freut sich immer auf mich und meine Schulklassen. Ich wünsche mir, dass es dieses Mal auch so sein wird. Vor Weihnachten habe ich uns Karten für ein tolles Theaterstück besorgt. Nun kann man mir beweisen, dass wir alle gemeinsam dorthin gehen können, da sich die Klasse beim Museumsausflug toll an alle Regeln gehalten hat. Nur Kinder, die das schaffen, können dann auch mit zum Theater.
Am Tag des Ausflugs ist die Klasse morgens aufgeregt und voller Vorfreude. Auf dem Hinweg wandern sie vorbildlich in 2er-Reihe und unterhalten sich leise. Während der Führung sind sie mucksmäuschenstill. Da ich vorher erklärt habe, wie unangenehm es für eine Lehrerin ist, wenn Kinder etwas fragen, was gerade erklärt wurde oder den Museumsmitarbeiter mit Fragen bombardieren bevor dieser fertig gesprochen hat, lauschen sie aufmerksam. Sie suchen meinen Blick und ich singnalisiere, ob nun ein guter Zeitpunkt für eine Frage ist. Wer sich unsicher ist, ob die Frage auch sinnvoll ist, der flüstert sie mir leise ins Ohr und ich gebe das Ok. Nicht nur ich bin begeistert von meiner „ach so schlimmen“ Klasse, auch der Museumsmann lobt sie zum Abschied sehr, sodass wir auf dem Heimweg alle ein paar Zentimeter größer sind.
„Hat euch der Ausflug gefallen?“, frage ich als wir im Klassenzimmer zurück sind.
„Sogar sehr!“, kommt es zurück.
Wir freuen uns schon riesig auf das Weihnachtstheater im nächsten Monat! Meine wunderbare Klasse und ich!

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Ächz

Ächz…ratter…grummel.
Anscheinend braucht mein Laminiergerät auch Herbstferien. Ist es überarbeitet?Oder altersschwach? Oder evtl wetterfühlig….zu windig draußen? Da mag es nicht mehr leise laminieren?
Aber warum soll es den Subunternehmern auf meinem Schreibtisch besser gehen als mir.
Der heutige Sonntag hat nicht nur Wind gebracht, sondern auch die Korrektur der Mathematikprobe, die Vorbereitung des lernzieldifferenten Unterrichts für zwei Kinder, deren Eltern ich nun endlich überzeugen konnte, dass es nicht „besser“ ist, wenn das Kind mit 6 übertritt statt die Note auszusetzen und Lücken aus den vergangenen Jahren zu füllen. Toll, dass ich endlich eine Einsicht erzielen konnte, das wird den Kids wirklich helfen und die lange überfälligen Erfolgserlebnisse bescheren, aber dazu muss das alles auch erstmal sinnvoll geplant werden.
Die Arbeiten meiner zwei Kunstklassen sind nun auch benotet, die Sportbeobachtungen ausgwertet und nebenbei laminiert Missis Ächzstöhn hier für mich wichtige Schilder für den Klassenraum (Danke, liebe Kerstin von der Materialwiese, genau DIESES und DAS habe ich gesucht und werde ich nach den Ferien aufstellen, um mal 5 Minuten in Ruhe eine Elternnachricht schreiben zu können. Kürzlich schrieb ich „Liebe Frau Streng,“ an eine Mutter, da ein Kind neben mir stand und ständig „Frau Streng….Frau Streeeeng….Frau Streheng!“ sagte, sodass mein Gehirn schlicht überlastet war. Zum Glück bemerkte ich meinen Fehler noch bevor ich das Postheft dem Schüler mitgab).
Nun fehlt nur noch das Laufdiktat, das ausgwertet werden will und die Beobachtungsaufträge für die 6 Praktikanten, die ich an unterschiedlichen Tagen betreuen darf. Und dahann….werde ich eine Mütze aufziehen und mich in den Wind stellen. Ich glaube, ich brauche dringend mal den Kopf frei gepustet, damit sich da ein Feriengefühl breit machen kann.

Nur die Harten….

Szene: Klassenzimmer / Kurz vor der Pause

Bingbong, knatter, rausch, knister: „Achtung, eine Durchsage. Alle heute anwesenden Lehrerinnen und Lehrer finden sich in der Pause bitte zu einer kurzen Dienstbesprechung im Lehrerzimmer ein!“

Szenenwechsel: 2. Szene
Pause /Lehrerzimmer:
Rektor: „Nachdem heute das halbe Kollegium erkrankt ist und es auch aus den ersten Klassen alle 7 Lehrer dahingerafft hat, gilt heute folgender Aufteilungsplan….“ (Rektor liest für mich uninteressante Klassen vor, ich beiße einmal von meinem Apfel, schon fällt mein Name) „und die 1a ist auf die 4a aufgeteilt bei Frau Streng.“
Jupp, hab ich bekommen, sechs zusätzliche Ersties, die keine Aufgaben haben und nun den Rest der Woche bei mir bespaßt werden.
Kauend melde ich mich: „Ich habe aber auch aufgeteilte Kinder aus der 1d. Sind die bei mir dann überhaupt richtig?“
Der Rektor rauft sich entnervt die schon abstehenden Haare. Sein Blick sagt: „Die Frau Streng wieder mit ihren Fragen!“ während er verzweifelt auf dem Aufteilungsplan, der hauptsächlich aus wirren Pfeilen zu bestehen scheint, nach der 1d sucht.
Zu meinem Glück rufen nun weitere Kollegen rein, auch sie hätten Kinder der 1d, sodass sich der Unmut der Oberhoheit nicht mehr nur auf mich bezieht.
Eine Stimme aus dem Off ruft: „Ja, die Lehrerin der 1d ist am Montag erkrankt, da wurde die Klasse aufgeteilt auf die anderen ersten Klassen, dann sind die restlichen Erstklasslehrer erkrankt und alle anderen ersten Klassen wurden mit den schon aufgeteilten Kindern aufgeteilt.“
Allgemeines Aha-Gemurmel wird vom Rektor rüde unterbrochen, der weiter doziert:
„Ja prima, dann weiß die Frau Streng da ja jetzt Bescheid. Da auch alle Werklehrer erkrankt sind, kann heute kein Werkunterricht stattfinden. Stattdessen gibt es folgenden Vertretungsplan….“ (Rektor liest für mich uninteressante Klassen vor, ich beiße ein zweites Mal in meinen Apfel, Frühstück muss sein, aber schon fällt mein Name) „und die 3a wird von Frau Streng vertreten.“
Kauend melde ich mich: „Kann ich nicht meine eigene Klasse vertreten?“
„Warum das denn?“
„Naja, erscheint mir irgendwie sinnvoller….wir hätten genug zu arbeiten.“
„Das ist jetzt zu kompliziert.“
„Gut, dann nicht!“
Eine Stimme aus dem Off (ich beiße fix ein drittes Mal ab): „Aber Frau Streng hat Recht, warum vertritt nicht jeder seine Klasse und die Lehrer ohne Klasse vertreten die Klassen, deren Klasslehrer krank sind?“
Der Blick des Chefs sagt „DANKESCHÖN, FRAU STRENG!“
(Ich lächle zuckersüß, zucke die Schultern und beiße erneut in meinen schon halb gegessenen Apfel).
„Also gut, wir ändern den Vertretungsplan wie folgt, weil Frau Streng es heute unbedingt kompliziert machen will….“
(Da ich kaue, ist mein Motzen (zum Glück?) nur schwer verständlich.)

Fazit:
Ein Tag, der sich wie drei anfühlt, ist auch geschafft.
Den Apfel jedoch konnte ich erst am Nachmittag aufessen.
Ich habe Kopfschmerzen und Halsweh.
Und ich lasse mich die nächsten Tage lieber nicht in der Verwaltung blicken.
Darauf ein Prosit mit meinem Erkältungstee!

sehen vs hören

Was ich höre:
„Achje, du arme Maus. Du musst die 3a jetzt weiterführen. Uah! Die sind furchtbar!“
„Du hast die jetzige 4a? Mach dich auf was gefasst, ein absoluter Chaotenhaufen.“
„Deine neue Klasse? Die hatte ich in Ethik. Grau-en-voll! Da hält keiner die Klappe!“
„Der Ahmet ist doch in deiner neuen Klasse. Bei dem musst du von Anfang an den Daumen drauf haben, sonst tanzt er dir das ganze Schuljahr auf der Nase herum.“
„4a! Da bin ich froh, dass du dieses Jahr Musik gibst. Die wollte ich nicht mehr unterrichten.“

Einmal abschütteln bitte *grusel*
Und dann einfach mal schauen!

Was ich sehe:
24 Kinder, die ein bisschen traurig sind, weil sie gehofft hatten, ihre Lehrerin hätte doch bleiben können.
Aber auch viele fröhliche Gesichter als sie hören, dass ich ihre neue Lehrerin bin. Denn mich kennen sie zum Teil aus dem Vorkurs (schon ein paar Jahre her, aber immerhin) und auch, weil mein Klassenzimmer auf demselben Flur war im letzten Jahr.
Manche hatten Geschwisterkinder bei mir, andere haben Freunde, die in meiner Klasse waren. Die waren alle sehr gerne bei mir…so schlimm kann die Frau Streng dann doch eigentlich gar nicht sein., oder? Als ich Grüße von der letzten Lehrerin ausrichte, mit der ich befreundet bin, macht sich Erleichterung breit. Das ist ein gutes Zeichen für die neue Klasse.
Ich sehe strahelnde Kindergesichter als sie entdecken, dass sie Namensschild, Begrüßungskärtchen und ein kleines Geschenk auf ihrem Platz erwarten. Sie freuen sich, auf ganz andere Art von den Ferien erzählen zu dürfen und bemühen sich, ihre beste Seite zu zeigen.
Nicht alle können schnell wieder zur Ruhe finden, doch lobe ich einzelne, die schon schnell wieder aufmerksam sind, überträgt sich das in Sekunden auf den Rest der Klasse. Nach dem ersten Tag sage ich, dass auch ich aufgeregt war und mich nun freue, dass sie meine neue Klasse sind. Das kann richtig gut werden mit uns, wenn wir uns alle ein bisschen anstrengen.
Ein Kind murmelt: und „wir hätten es nicht besser treffen können“ und guckt dann schuldbewusst (wir wollten doch nicht reinreden) und ich freue mich.

Selbst sehen ist hier die Devise. Und einfach mal die Ohren abschalten.
Das ist jetzt MEINE Klasse und wir werden das zusammen prima hinbekommen!

Auf zu…

…alten Ufern.
Die Versetzung hat wieder nicht geklappt *grummel*
Diesmal schien es so aussichtsreich.
Wegen Baumaßnahmen musste das Zimmer aber eh weitgehend leer geräumt werden,
nun habe ich es eben wieder eingeräumt.
Eine andere Kollegin hingegen wurde (entgegen ihrem Wunsch) in einen nicht gerade nah gelegenen Landkreis versetzt. Deren Klasse muss/darf/werde ich nun übernehmen. Freude auf allen Seiten! Sie wollte nicht (so weit) weg, die Kinder hofften, dass sie bleibt und  ich wollte gerne mal was Anderes erleben (nach mehr als einer Dekade an einer Schule ist es einfach mal an der Zeit).  Definitiv hat das neue Schuljahr schon jetzt noch Luft nach oben was das Entwicklungspotenzial angeht.
Dennoch: das Zimmer ist nun auch mal wieder entrümpelt und das Arbeitszimmer habe ich ebenfalls anständig neu sortiert.
Die erste Woche ist geplant, die Arbeitshefte sind bestellt und auch das Lux-Heft ist (als kleine Überraschung für die Kids) schon eingetrudelt.
Ich habe für jedes Kind einen ausgefallenen Radiergummi erstanden, der dann mit Namensschild und Begrüßungskärtchen auf dem jeweiligen Platz bereitliegen wird.
Mir selbst habe ich ja den schicken neuen Lehrerplaner gegönnt, in dem nun schon ein paar neue Ideen Platz gefunden haben.
Nur beim Beobachtungsheft bin ich noch unschlüssig. Situative Beobachtungen notiere ich immer sofort digital, Beobachtungen im Fachunterricht finden in meinem Planer Platz und für gezielte Beobachtungen habe ich nun viele Jahre das Beobachtungsheft von Link. Damit komme ich super zurecht. Bisher habe ich noch keine Alternative gefunden, wäre aber auch bereit mal etwas Neues auszuprobieren. Hat jemand Empfehlungen?
Allen ein schönes Schuljahr 2017/2018 und denen, die auch jetzt erst anfangen natürlich einen gelungen Start mit motivierten Kids und netten KollegInnen!

Am ersten Ferientag…

…schläft die Lehrerin lange aus, frühstückt ausgiebig, liest den neusten Ferrante-Roman auf der Terrasse während sich die Katze auf ihrem Schoß zusammenrollt, trifft andere Lehrerinnenfreundinnen zum Mittagessen / Kaffeetrinken und lässt den Abend mit dem Ehemann ausklingen.
In meinen Träumen!
In Wirklichkeit:
Bin ich gegen halb 6 hellwach, da mein Körper noch nicht weiß, dass Ferien sind. Das Haus braucht eine Grundreinigung, da die letzten Wochen voll mit Abschlussfeiern, Tagesausflügen und kurzfristig anberaumten Konferenzen waren. Der Kühlschrank ist weitgehend leer, sodass ich einkaufen fahren darf, um anständig frühstücken zu können. Einen seltsamer Knubbel, den ich kürzlich entdeckte, lasse ich untersuchen und verbringe meinen ersten Feriennachmittag im Wartezimmer (die Entwarnung ist mir die Warterei dann aber gerne wert). Auf dem Nachhauseweg düse ich zur Stadtbibliothek, um die überzogenen Bücher/Hörbücher endlich zurückzubringen und hole das Rezept aus der Apotheke, das da seit einer Woche auf meinem Beifahrersitz liegt (das Paket daneben kann bis morgen warten).
Am nächsten Tag steht ein Friseurbesuch an, den ich (vor 2 Wochen wg einer dieser Konferenzen) verschieben musste, sodass ich leider erst nach den Abschiedsfeiern wieder vorzeigbar aussehen werde, aber während die Farbe einwirkt, habe ich 20 Minuten für Elena Ferrante.
Der Rasen muss dringend gemäht werden, der Vorgarten hat seit Wochen keine pflegende Hand mehr gesehen, auf meiner Terrasse sprießt das Unkraut und das Auto muss zur Inspektion. Die Katze muss zum Tierarzt, denn seit zwei Tagen legt sie ein Ohr lustig an, was vermutlich aber keine lustigen Ursachen hat und die Schwiergermutter hat sich zum Besuch angekündigt, denn schließlich hätte ich jetzt ja so viel Zeit und würde mich bestimmt über etwas Gesellschaft freuen.
Zum Glück haben die „Ferien“ erst begonnen…ich werde den Traum vom faulen Ferientag noch wahr machen…irgendwann!

mit ohne Anfassen

Die Turnhalle ist gesperrt, der Pausenhof bevölkert, die Zeit für den Spielplatz zu knapp. Also schieben wir die Tische und Stühle zur Seite und ich schalte den Cd-Player an. „Frau Streng, das klingt so irgendwie nach Tanz!?!“ BINGO! „Jupp, jetzt wird getanzt!“
Die Viertklässler stöhnen und motzen als würde man sie zur Schlachtbank schleifen und vorher noch zwingen das ekligste Kind der Klasse zu heiraten. Ich rufe über die Meuterei hinweg die erlösenden Wort: „Aber mit ohne Anfassen!“
Jubel bricht aus. Tanzen ist nämlich toll (Frau Streng macht nur coole Tänze *jaha*), aber nur mit ohne Anfassen!

Der neue…

…Lehrerplaner für das kommende Schuljahr ist da. Ich probiere (wie so oft) mal wieder einen mir bisher unbekannten Planer aus.
Ich bin verliebt, ich gebe es gerne zu. Aber ob sich aus dem anfänglichen Herzklopfen auch eine dauerhafte Liebe entwickeln kann, das wird erst die Zeit und tägliche Nutzung zeigen. Diesmal habe ich mich in das eher…sagen wir mal…höherpreisige Segment begeben, Sticker inklusive. Mal sehen, ob er hält, was er verspricht. Er ist jedenfalls schon mal wunderschön, gut aufgebaut, viel Raum für Notizen, eine angenehme Farbe (Gelb und Pink…das kann ich im Lehrerzimmer echt nicht mehr sehen)….
Habt ihr euch schon entschieden?

Geständnisse

Ich warte an der Zimmertür bis auch die letzten Vorkurskinder herauströpfeln und sich mehr oder weniger in einer irgendwie gearteten Reihe aufstellen, damit ich sie wieder in den Kindergarten bringen kann. Leira hüpft an mir vorbei in Richtung Gewusel, dreht sich noch einmal um und ruft in singendem Tonfall: „Frau Streheng, ich lieeeeebe dich!“

Bester Job der Welt!