Babypups


Alltag:
In meinem Klassenzimmer sitze ich am Pult und notiere gerade eine Nachricht im Postheft eines Kindes.
Am nebenan stehenden Hausaufgabentisch entbrennt eine Diskussion über die gestrig zu erledigende und nun
abzugebende Hausaufgabe.
Eine Grammatikaufgabe war manchen Kinder nicht eindeutig genug formuliert.
„Was plant Familie Müller für das Wochenende? Bilde Sätze!“ (vorgegebene Ortsangaben sollten in diese eingebaut werden).
Manche Kinder dachten, Familie Müller sei eher optional zu sehen
und formulierten einfach irgendwelche Sätze, die die Ortsangaben enthielten.
Andere hingegen verstanden die Aufgabe sehr wohl so, dass es sich in jedem Satz um die Müllersche Wochenendplanung handeln müsse.
Mit einem Ohr horche ich, mit einer Hand notiere ich meine Elternnachricht.
Cindy: „Ich glaube nicht, dass du das so abgeben kannst. Da wird Frau Streng nicht einverstanden sein.“
Samir: „Ich denke, dass das schon richtig ist. Ich geb‘ das jetzt ab!“
Mariella: „Du wirst eh einen Klebezettel bekommen und verbessern müssen…das ist so echt fahalsch!“
Samir: „Dann fragen wir halt gleich Frau Streng, wie die Aufgabe geht!“
Cindy: „Halloho?!! Samir, echt, schau mal, Frau Streng ist beschäftigt! Die stören wir doch jetzt nicht, weil du nicht richtig gelesen hast.
Gib halt ab!“
Samir legt zögerlich sein Blatt hin, Mariella und Cindy ordnen den Haufen Arbeitsblätter zu einem ordentlichen Stapel.
Ich grinse in mich hinein 🙂

Hach, was sind sie groß! Herrlich!
(Und ja, meiner Ansicht nach, gehört Familie Müller in diesen Minitext hinein! Es gab also einen entsprechenden Kommentar auf Samirs Blatt und einen leuchtenden Klebezettel darauf, damit er und ich nicht vergessen, dass da etwas zu verbessern war).

 

Aber einmal die Woche…breche ich aus
aus meinem Viertklassluxusvormittag
…da bin ich bei den Erstklässlern.
Und nicht bei irgendwelchen Erstklässlern, sondern in einer ganz schwierigen Klasse, in der gerade (ungelogen) die mobile Reserve für die mobile Reserve der mobilen Reserve unterrichten darf. Puh!
Von Anfang an gab es leider also gar keine Kontinuität und das merkt man den kleinen Individualisten auch sehr an.
Ich bin zur Differenzierung mit dabei (also unterstütze die andere Lehrerin z.B. indem ich mit einer Kleingruppe in einem anderen Zimmer übe oder mit herum gehe und den Winzies über die Schulter gucke, ob auch jeder dir richtige Seite in der Fibel gefunden hat)
und ich bin immer wieder heilfroh, dass ich da nicht alleine sein muss.
Das ist eine ganz andere Welt. Was ist das anstrengend…aber auch sehr lustig!
Diese Winzikinder wuseln um einen herum, sie kommen zu spät und motzen auch noch, wenn man sie dann bittet,
doch wenigstens noch die Hausaufgabe zu bringen („Und was kann ich dafür, wenn ich anständig geputzte Zähne haben will?! Das dauert eben!“)
Sie gucken böse zurück, wenn man sie mahnende anblickt, nicken einem zu und quatschen weiter mit der Banknachbarin…sie sagen einfach, was sie denken und das zu jedem Zeitpunkt.
Und sie sind erfrischend unbedarft.

Sehr schön also der erste Satz an dem Tag, an dem das Schulgemüse aus Kohlrabi bestand.
Mustafa betritt das Zimmer, bleibt erschrocken stehen und ruft lautstark: „Ihhhh, hier riechts nach Babypups!“

Ich sag’s ja: zwei Welten 😉

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3 Gedanken zu “Babypups

  1. Hallo Frau Streng,
    was sind solche Geschichten schön zu hören 🙂 Wird man doch so darauf gelenkt, auch selber in der Schule mal auf die Kleinigkeiten zu achten und sich über solche Dinge wirklich zu freuen 🙂
    Eine Frage habe ich allerdings, so als richtiger Neuling im Lehrerberuf. Ich habe auch eine 4. Klasse und bin mit den aufzugebenen und auch zu kontrollierenden (!) Hausaufgaben noch nicht so ganz auf einer Wellenlänge. Kontrollierst du jede Hausaufgabe von jedem Kind jeden Tag? Und wenn du dann nicht mit der Hausaufgabe zufrieden warst und das Kind einen Klebezettel bekommt, wann korrigiert das Kind die Aufgabe? Während der Unterrichtszeit, in der Pause, zu Hause?
    Danke schon mal für deine Erfahrung.
    Liebe Grüße,
    Birte

  2. Liebe Birte, danke für deine nette Antwort 🙂
    Ich wollte mal eben für dich notieren, wie ich das mit Hausaufgaben und Klebezetteln so genau mache und habe festgestellt:
    was für mich ganz einfach und einleuchtend klingt….ist gar nicht so einfach „mal schnell“ aufzuschreiben und klingt dann doch recht aufwändig. Das war mir selbst gar nicht mehr so vor Augen, was man da für einen Aufwand betreibt *g*
    Ich habe es nun hoffentlich verständlich erklärt 😉 Melde dich gerne jederzeit auch per Mail, wenn du noch Fragen hast!

  3. Eine Fibel – schön wär’s. Wir dürfen uns mit unserer großen Tochter (derzeit Zweitklässlerin) gerade durch die Integrierte Eingangsstufe kämpfen, die zu Beginn dieses Schuljahres an ihrer Schule eingeführt wurde… Nur einzelne Arbeitsblätter; jeder Schüler bearbeitet gerade ein anderes Blatt, weil jeder in seinem eigenen Tempo arbeiten kann. Jeder Schüler hat entsprechend eigene Hausaufgaben, die seinem Lernstand entsprechen… Für Lehrer und Eltern extrem anspruchsvoll…

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