LehrplanPlus…2.Versuch


Interessant 😉 Man schreibt, dass man eigentlich lieber doch nichts schreiben will und spricht schon damit Kolleg(inn)en aus der Seele… also sollte ich es wohl wagen.

Ich bin ja eine nicht soooo alte Lehrerin. Habe meine Jahrgangsstufen schon ein paar Mal gemacht und den Lehrplan drauf…komplett erfasst hatte ich ihn sicherlich auch erst nach dem Ref. Und ich arbeite schon immer nach dem Lehrplan von 2000. Habe also nur theoretische Vergleiche zu dem von 1982 (?).
Manche Themen des bisherigen Lehrplans finde ich wichtig, aber anstrengend, einfach weil sie mir nicht so liegen (Erdkunde *bäh*), in manchen Fächern reicht mir das, was der Lehrplan bisher verpflichtend vorgab gar nicht aus, da arbeite ich weit darüber hinaus und meine Kids genießen es ganz offensichtlich (Musik) und in manchen Fächern interpretiere ich ihn sehr frei (Kunst).

Ich unterrichte (mit Leib und Seele und ganz viel Enthusiasmus und Idealismus und Herzblut…) an einer sogenannten Brennpunktschule. Ich habe meist keine, maximal jedoch zwei deutsche Kinder in der Klasse. Die Arbeit, die ich dort leiste, hat mit meinem Studium nur noch ganz geringfügig zu tun. Ich schildere das mal in einem kurzen Abriss: am Samstag plane ich den Unterricht für die kommende Woche (inkl. Tafelanschriften, Arbeitsblätter, Proben etc….wirklich alles), unter der Woche unterrichte ich volles Stundendeputat, jede Woche habe ich Elterngespräche (mit Übersetzer, den auch oft ich organisiere, mit viel Bürokratie, da vieles über die ARGE beantragt werden muss usw.), ich habe außerdem Kontakte zu pflegen zu Mittagsbetreuung,
Horten (dieses Jahr nur 4 verschiedene),
der heilpädagogischen Tagesstätte,
dem MSD,
ASD, Jugendamt, Familienhilfe,
Hausaufgabenbetreuung,
Schulsozialarbeitern,
Nachhilfelehrern,
(Schul)psychologen,
Kinderheimen,
Beratungslehrkräften,
Kitas, Kigas,
ggf. Polizei und und und.
Noch dazu kommen Aktivitäten, die ich zusätzlich plane (Ausflüge, Singen im Altenheim…) und Kooperation mit außerschulischen Partnern und den Elternsprechern. V
on den Standardterminen wie Elternabenden, Elternsprechabenden, Informationsabenden, Konferenzen, pädagogischen Tagen, Schulfest, Sportfest, Schnuppertag für Erstklässler usw. brauche ich gar nicht reden.
Meist einmal in der Woche kommen Kinder in meine Kindersprechstunde. Hier kann und wird alles besprochen, was dem Kind auf der Seele brennt…das kann der aktuelle Notenstand sein (besonders, wenn es die Eltern des Viertklässlers nicht interessiert oder sie aus unterschiedl. Gründen nicht in der Lage sind, mich aufzusuchen), das ist aber auch nicht selten dann das Anvertrauen über Gewalt in der Familie oder ähnliches.
Wenn das alles geschafft ist, korrigiere ich noch Hausaufgaben und Proben, mische ein bisschen in der Schulleitung und Schulentwicklung mit und bereite Aufgaben für die Praktikanten vor.
Die oftmals schlimmen familiären Verhältnisse und die (bisweilen massiven) Probleme, mit denen meine Kinder kämpfen müssen, kann ich nicht in der Schule lassen. Ich nehmen sie natürlich mit in mein wundervolles Arbeitszimmer und versuche Lösungsmöglichkeiten/Hilfen/Unterstützungsangebote usw. zu finden/in die Wege zu leiten. Da vermittelt man auch mal eine Mama zu einem Alphabetisierungskurs oder muss noch schnell einen Verstärkerplan für Furkan entwickeln. Ich bilde mich rege fort (ich besuchte letztes Schuljahr über 20 Fortbildungsveranstaltungen) und halte auch selbst Fortbildungen ab. Es gibt viel, was mich interessiert und ich bemühe mich, meine Arbeit immer wieder zu reflektieren und zu verbessern. Daher tausche ich mich zu einem festen Termin wöchentlich mit meinen Parallelkolleginnen aus und besuche regelmäßig eine Supervisionsgruppe.

Und nun kommt ein neuer Lehrplan und möchtet ihr raten, wie sehr mich das in meiner Arbeit beeinflussen wird? Genau-> am Samstag! Denn da darf ich jetzt nicht mehr das Ohr in HSU vorbreiten, sondern nun bitte das Auge. Oha!

Derzeit jedoch beschäftigt er mich sehr, denn: man muss darf sich nun ganz rege fortbilden. Wie man meinen bisherigen Schilderungen evtl. entnehmen kann, habe ich glücklicherweise extrem viel Zeit…und bin froh, dass meine leeren und langweiligen Nachmittage und Abende nun endlich einen Sinn haben. Ich scheuche also meine Monsterchen um 13Uhr aus dem Kassenzimmer, packe meine Heftstapel ein (korrigiert wird nach der Fortbildung), düse durch die halbe Stadt, esse im Auto schnell noch ein Butterbrot und schon geht es los. Ca. zwanzig Minuten brauchen die Fortbildungsleiterinnen (ja bisher waren es nur Frauen….Grundschule eben), die vermutlich gezwungen wurden, dieses Fach zu multiplizieren, um uns die Neuerungen (Ohr raus, Auge verpflichtend, Feuer in der 2.Klasse, wir bauen jetzt Mauern und Türme…) zu erklären. Die Damen haben keinerlei Hintergrundinfos erhalten, warum genau jetzt das Ohr pfui und das Auge in ist, also wäre es müßig, sich darüber auch noch Gedanken zu machen (ihr merkt…ich habe immer das Ohr gemacht *lach*). DANACH müssen ja noch mindestens 2,5 Stunden Fortbildung gefüllt werden. Man referiert also über Kompetenzen (DAS Schlagwort im LehrplanPlus), die man meiner unqualifizierten Meinung nach unvermeidbar vermittelt, wenn man sinnig unterrichtet, von denen man jetzt aber so tut, als sei das ganz neu und die man ab jetzt bitte noch separat benennen soll, wenn man seine Stunde plant. Dann sieht man ein Filmchen von einer Miniklasse mit 13 Kindern in einer Dorfschule, in der zwei Lehrerinnen ZUSAMMEN, diese völlig perfekt deutsch sprechenden Kinder unterrichten, die in Hausschuhen in einem mit Teppich ausgelegten Klassenzimmer + angeschlossenem Gruppenraum (!!!) in der zweiten Klasse besser lesen als viele meiner Viertklässler, die sich (das sei zu ihrer und meiner Ehrenrettung dazu gesagt) mitunter aber ja auch erst ein Jahr in Deutschland befinden. Wir erhalten Informationen wie „was ist offener Unterricht“ und warum ist der jetzt noch vieeeel wichtiger, was ist Differenzierung und können innerlich abhaken (mach ich eh, geht bei der Leistungssschere in meiner Klasse schlicht gar nicht anders), nicken und uns nach Hause wünschen. Schlussendlich werden wir noch zwei Stunden beschäftigt. Wie aus dem Nichts erscheint der verhasste obligatorische Moderationskoffer und schon darf man wieder in Gruppen Lernlandschaften kleben oder zum Wald frei assoziieren…was das dann mit dem NEUEN Lehrplan zu tun hat?…äh ja…genau.

Mein Fazit: ich verstehe, dass alle paar Jahre mal ein bisschen neuer Wind wehen soll und finde das ok. Ich freue mich darauf, wenn es den Lehrplan für 3./4.Klasse dann mal gedruckt zu kaufen gibt und habe Bock mich dann (wenn wir dran sind) frühzeitig einzuarbeiten. Türme und Mauern bauen…oki, why not?! Ich vermittle selbstverständlich Kompetenzen und die dann halt noch zu benennen…stresst mich nicht. Offener Unterricht? Unbedingt! Aber in der Form, die mir mit meiner Schülerschaft möglich ist. Daran ändert auch ein neuer Lehrplan nichts. Stationen, Lerntheke, Portfolio…check! Alles in allem: an sich mal wieder bissl Abwechslung, mal wieder ein paar neue Themenfelder zum Reinarbeiten, da freu ich mich wirklich drauf, da kann man mal wieder kreative Ideen entwickeln und ganz neues Material erstellen und und und
… und in manchen Fächern ein paar Themen weniger (ja, die Notenlehre ist nun ganz raus…ok, dann lassen wir das halt weg)…auch in Ordnung.

Aber zum Kotzen Haareraufen sind diese Veranstaltungen, die nach Arbeitsbeschaffung riechen, die man von 3 Stunden auf 30 Minuten kürzen könnte und die mich davon abhalten, an diesen Nachmittagen/Abenden sinnvolle Arbeit zu leisten. Davon hatte ich in diesem Schuljahr schon einige und es folgen noch weitere….

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7 Gedanken zu “LehrplanPlus…2.Versuch

  1. Alles, aber auch wirklich alles (außer das zur Brennpunktschule) kann ich voll und ganz unterschreiben.
    Und was mich am allermeisten gerade genervt hat, war das Schreiben eines Stoffverteilungsplan . Da mussten dann natürlich auch die Kompetenzen hinein und die haben im Lerhplan nicht einfach Nummern oder a, b, c, … , sondern die mussten einzeln eingefügt bzw. abgetippt werden. Reinste Schikane, meine ich. Die unterrichtsfreie Zeit in den Ferien wäre bei mir nämlich eigentlich zum Abbau von Überstunden aus der Schulzeit da! In diesen Herbstferien hatte ich nun eine Arbeítszeit (nur für den LP), die fast meiner offiziellen wöchtlichen Arbeitszeit zu Schulzeiten entsprach – Unterrichtsvorbereitung war da noch keine gemacht.

    • Super! Besser kann man`s nicht sagen. Nur leider interessiert das, ausser uns Grundschullehrern, niemanden.

      Ich mag deinen Blog. Es macht mir Freude darin zu lesen.

      Liebe Grüße
      Knallbunt

  2. Kann ich alles so unterschreiben, wie du es geschrieben hast. Aber was mich dann wirklich aufgeregt hat, war die Tatsache, dass man im ganzen Lehrplan plus gerade mal 5 Sätze (oder eine ähnlich lächerliche Zahl) zum Thema Inklusion findet… Für was ein neuer Lehrplan, der zum wichtigsten Thema der letzten 2-3 Jahre nichts sagt!

  3. Pingback: KW 45 | Lehrerzimmer

  4. Liebe Frau Streng, deine Zeilen treffen voll ins Schwarze! Kannst du das bitte mal in einer Zeitung veröffentlichen, damit mal ein paar Leute lesen, was wirklich abgeht? Du hast am Ende noch eine Lebensweisheit drin, die man super übertragen kann auf andere Situationen: „Aber zum Haareraufen sind diese Veranstaltungen, die nach Arbeitsbeschaffung riechen, die man von 3 Stunden auf 30 Minuten kürzen könnte und die mich davon abhalten, an diesen Nachmittagen/Abenden sinnvolle Arbeit zu leisten. “ (Das denke ich mir z.B. bei dem ein oder anderen Elternabend auch… manche Menschen scheinen einfach kein Zuhause zu haben und lieben es, abends in der Schule/ im Kindergarten usw. zu hocken :-))

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