Von Kindergartenkindern gezähmt


Mittwoch Morgen ist toll! Vorkurszeit!
Die Kinder werden von einer Erzieherin gebracht (theoretisch kurz vor, praktisch kurz nach acht, was mir ganz subjektiv einfach auch wurscht ist).
Ich bin wie immer in der Schule (also saufrüh) und hab endlich mal Zeit bis 8 ohne schon Hausaufgaben zu kontrollieren, Elternbriefe, Geld fürs Theater/den Fotografen/den Ausflug/das Radheft…, Mitteilungsheft usw. einzufordern. Ich kann in Ruhe die Tafel wischen, meine Tagestransparenzsymbole aufhängen, das Obst für die Klasse waschen und schneiden, noch bissl was korrigieren oder ganz strebsam Schülerbeobachtungen (wie z.B. „21.6. 1.Pause: Mikail würgt seinen Freund Lorenzo und zeigt sich bei Pausenaufsicht und Lehrerin uneinsichtig, sagt „aber das war nur ein bisschen und nur so aus Spaß, das machen wir halt so, ey“, Mitteilung an Eltern selbst verfassen lassen“), die ich meist situativ und zornig auf einen kleinen Zettel schmiere in etwas diplomatischeren Worten in meinen Beobachtungsordner zu übertragen….herrlich diese Zeit am Mittwoch Morgen.
Gerade habe ich den Ordner auf das Pult gewuchtet und die kleinen Zettel der letzten Woche um mich verteilt, klopft es an der Tür und meine Konrektorin schiebt mir mit den Worten „Evangelische Religion fällt aus, nimmst du die“ die zwei schlimmsten Kracher  verhaltenskreativsten Schüler der dritten Klassen ins Zimmer.
Na klar, nehm ich die. Ich nehm alles! Nur her damit! Wolln wir mal sehen 😉
„Guten Morgen! Du bist der Justin, deinen Namen kenne ich aus der Pause“
Justin grinst freudig. Doch das vergeht ihm bei meinem nächsten Satz „Justin, wenn ich den Namen eines Kindes, das ich nicht unterrichte, aus der Pause kenne…dann ist das KEIN gutes Zeichen.“
Ich erläutere, dass gleich die Kindergartenkinder kommen zum Deutschkurs und dass sie entweder hier still arbeiten oder jeder sich zu einem Vorkurskind setzt und hilft. Mir ist das egal (wobei ich mir in dem Moment recht sicher bin, dass stilles Arbeiten sicher bevorzugt wird, aber nein….)
Beide wollen helfen. Also erkläre ich weiterhin, was das bedeutet, nämlich ein  VORBILD sein!
Leise und freundlich sein, kein Motzen, kein Schubsen, kein Würgen, kein Hauen, kein Beißen….gaaaaanz TOLL muss man dann sein. Die Kindergartenkids bewundern die Großen und das soll bitte auch so bleiben!
Beider versichern sie, dass sie das können. Mhm…warten wirs ab!
Ich stelle sie den Kindergartenkindern vor (und es sind an diesem Mittwoch wegen einer im Kiga grassierenden Sommergrippe tatsächlich nur zwei!). „Die zwei Jungs sind bald Viertklässler,  die schon super lesen und rechnen und schreiben können und sich immer gaaanz super verhalten. Du hast Glück, dass sie heute mit uns arbeiten werden!“
Und so ist es dann auch!
Sie bekommen eine kurze Einweisung und sind einfach nur toll!
Sie basteln Stabpuppen, spielen dann sogar mit bei einem kleinen Rollenspiel ,
sie bearbeiten Arbeitsblätter mit den Kleinen, lassen diese ganz viel sprechen, geben nur kleine Hinweise, bis die Kindergartenkids selbst weiter wissen.
Währenddessen habe ich alles wegkorrigiert, was noch aufzuarbeiten war, alle Beobachtungen eingetragen, die Schülerliste mit Fehltagen aktualisiert und fühle mich schon fast überflüssig.
Hach, was für ein schönes Erlebnis: das sitzen die größten Rowdys und ich höre Sätze wie „Das hast du jetzt aber sehr schön ausgemalt“ oder „Schau noch mal genau hin, wie viele Eier sind das“ und kann immer wieder nur leise flüsternd sowie gestisch loben, wie gut sie das machen!
Stolz wie Oskar begleiten sie nach einer Doppelstunde ihre Kindergartenkinder hinaus, helfen mit Reißverschlüssen und übergeben sie der Erzieherin. Und um meinen Dank und Stolz zu unterstreichen erhalten beide eine Lobkarte mit je einem anderen Aufkleber, ein paar persönlichen Dankesworten und einem Lutscher überreicht.
Seitdem strahlen mich beide in der Pause übrigens immer an und grüßen freundlich 😉

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Ein Gedanke zu “Von Kindergartenkindern gezähmt

  1. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass gerade die verhaltenskreativsten, wie du sie so schön nennst, wirklich darin aufgehen können anderen zu helfen – und dann bekommen sie auch noch ein Lob, was bei diesen Kindern einfach mal so selten ist, dass sie dann auch wirklich wirklich WIRKLICH glücklich sind, dass sie es erhalten 😉 Alles richtig gemacht würde ich sagen; mein Sonderpädagoginnenherz hüpft geradezu vor Freude 😉

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