Kulturschock


Nein, ich übertreibe nicht.
Bei einer Schulveranstaltung durfte ich eine dritte Klasse in der Nachbarstadt beim HSU-Unterricht erleben. Ich war fassungslos.
Der Schock wirkt noch nach, sodass ich es nur schwer in Worte fassen kann, was mir da durch den Kopf ging. Ich versuche es dennoch:

SO können Kinder sprechen?  SO können sie arbeiten?
Ja, es war ein Schock! Ich habe das Referendariat an meiner Brennpunktschule gemacht und bin seitdem dort. Ich fühle mich dort sehr wohl, spüre aber auch, dass meine Arbeit oft viel Kraft kostet.
Ich bin zum Großteil Seelsorgerin und Sozialarbeiterin und ja klar, ich unterrichte auch.
Selbstverständlich weiß ich, dass das Arbeiten an anderen Schulen anders ist. Dass die Kinder sich dort weniger (oder etwa gar nicht???) prügeln, ein Pausenbrot, saubere Kleidung und gemachte Hausaufgaben haben.
Theoretisch wusste ich das und in den wenigen Praktika während des Studiums (vor laaanger Zeit *lach*) habe ich solche Klassen auch kurzzeitig erlebt.
Doch die Kluft wurde mir erst in dieser Woche so hautnah bewusst.
Die Kinder waren so selbstständig, so souverän, arbeiteten so genau, erfassten die Arbeitsaufträge lesend (!!!) und sprachen in ganzen, komplexen Sätzen.
Das Klassenzimmer war mit zwei funktionierenden Computern (samt Internet!), einem Beamer, einem Whiteboard und einem großen Flachbildschirm ausgestattet!!!
Bei mir sind selbst die Folien für jedes Schuljahr abgezählt und dann muss ich selbst welche kaufen, wenn mir diese Stückzahl nicht reicht und natürlich habe ich auch ein begrenztes Kopierkontingent.
Ich habe zwei PCs im Zimmer, von denen einer manchmal anspringt und ich hatte dieses Schuljahr auch mal 3 Wochen Internet.
An meiner Schule gibt es EINEN Beamer und den muss man sich am besten vorreservieren.
Meine Schüler haben alle einen Migrationshintergrund und sprechen nur in der Schule deutsch.
Sie prügeln sich in der Pause oft, sie beschimpfen sich. Ich schreibe Elternbriefe wegen
würgen, beißen, schlagen, kicken, anspucken uswusw. Ein Schüler hat letztes Jahr einer Mitschülerin den Flipflop abgenommen und im Pausenhof darauf gepinkelt.
Das war einer meiner braven Jungs. Er konnte danach selbst nicht recht erklären, was seine Intention war.
Als diese Klasse, bei der ich hopsitierte, dann ihre Versuche mit Regenwürmern machte, musste ich just daran denken, wie mir eine Freundin letztes Jahr erzählte, ihre Schüler hätten Regenwürmer gegen die nassen Fensterscheiben geworfen, um dabei zuzusehen, wie sie langsam nach unten rutschen.
Ich fand das gar nicht so schlimm. Klar ist das nicht ok. Und natürlich „die armen Regenwürmer“ und so. Aber insgeheim dachte ich mir „wenigstens haben sie keine Erstklässler geworfen, wie mein Furkan“.
Meine aktuelle Klasse ist wirklich recht brav und willig, wenig Prügeleien, noch kein Notarzt war nötig, nur ein bisschen hauen, schubsen, beißen und spucken…super also.

Es ist ganz anders. Das verstehe ich jetzt umso mehr.
Will ich es ändern? Ich weiß nicht so recht. Ich mag meinen Job. Ich liebe meine Schüler.
Es ist schwierig und anstrengend, aber naja…
es ist auch total schön bei mir. Wir kuscheln uns eben um meinen Laptop, wenn der Beamer belegt ist.
Wir lernen ganz viel über den Umgang mit anderen Menschen, über andere Kulturen, über das Leben…

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2 Gedanken zu “Kulturschock

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