DAS Wort


Gestern auf dem Pausenhof:
„Frau Streng, der Murat hat *piiiieeep* zu mir gesagt?!“
Ich versuche nicht zu lachen. Es handelt sich um einen Neologismus. Gebildet aus einer Bezeichnung für ein Sexspielzeug, dem Substantiv für ein Körperteil und einem in diesem Kontext ekligen Verb.
(Kommt jemand drauf?)
Ich bitte den Schüler zu mir (und freue mich -ehrlich gesagt- innerlich schon ein wenig, dass es mal keiner von meinen Schülern ist).
Begrüßt werde ich mit einem pampigen: „Was?!“
„Ich denke, du weißt schon was!“
„Nein!“
Im Hintergrund erhebt sich ein kleiner Chor: „Er hat *piiiieeep* gesagt, er hat *piiiieeep* gesagt!“
Ich unterbinde das Geschrei mit einer Handbewegung und blicke den Übeltäter streng an.
„Ach, DAS Wort.“
„ Ja genau! Ich würde sehr gerne wissen, was das Wort bedeutet!“ (Das Wort gibt es nicht, weshalb ich umso neugieriger bin. Man lernt ja nie aus!)
„Würdest du es mir bitte erklären?“
„Ähh….das will ich nicht…das ist mir peinlich!“
„Das kann ich gut verstehen. Dann erklärst du es vielleicht lieber deiner Mutter.“
Es handelt sich um einen überbehüteten Jungen, den wir Lehrer aus der Pause kennen und der ja nie an irgendetwas schuld ist.
Nach der Pause muss er mit dem Mitteilungsheft zu mir kommen und selbst hinein schreiben, was er gesagt hat. ICH nehme DAS Wort nicht einmal in den Mund, bitte die Mutter nur schriftlich um eine Unterschrift und den Jungen bitte ich, mir am nächsten Morgen diese vorzulegen.
Ich würde meinen linken Arm verwetten, dass sie am nächsten Tag vor 8 schon bei mir auf der Matte steht. Ich tippe auf: „Das kann MEIN Murat nicht gesagt haben.“
Möglich wäre aber auch die allseits beliebt Variante: „Aber die anderen haben angefangen.“
Lassen wir uns überraschen!
Am nächsten Tag steht die Mutter samt dem kleinen Prinzen vor meiner Tür. Welch Überraschung!
Ob ich DIESE Lehrerin sei? Wie bei meinen Schülern fordere ich zuerst einmal eine anständige Begrüßung ein. Reiche die Hand und sage (dämlich überbetont, aber anders klappts meist nicht):
„GUTEN MORGEN erstmal! Ich weiß nicht, WELCHE Lehrerin Sie suchen. Ich heiße Streng und hatte gestern Pausenaufsicht als Murat hier sich so interessante Wörter ausgedacht hat. Ich gehe davon aus, dass sie die Mutter sind?“
Die Mutter gerät kurz aus der Fassung. Höflich begrüßen und sich vorstellen, das hatte sie sich nun gar nicht zurechtgelegt. Zu überrascht, um mich gleich zu beschimpfen, stellt sie sich nun auch erst vor, erwidert meinen Morgengruß, um dann tief einzuatmen und erneut anzusetzen:
Ihr Sohn sei provoziert worden. Andere Kinder hätten auch Schimpfwörter gesagt.
„Achso, Sie möchten, dass Ihr Sohn sich auf das gleiche Niveau begibt, wie die Kinder, über die Sie sich gerade beschweren?“
Nein, das nun nicht, aber diese Wörter der anderen Schüler seien noch schlimmer gewesen (als Beispiel nennt sie übrigens „schwul“, was ich von einer Erwachsenen extrem bedenklich finde, leider habe ich keine Zeit das genauer zu erörtern, denn es ist kurz vor 8 und meine Schüler hätten gerne Unterricht.)
„Achso, Sie deklarieren also schlimme und schlimmere Wörter und die wenigen schlimmen darf er dann benutzen?“
Nein, also das nun auch nicht.
Ich frage nach, ob ihr klar sei, dass Sie durch diese ganze Rechtfertigungssache hier ihrem Sohne gerade demonstriere, dass das, was er da rumbrüllt, teilweise ok
sei? Ob sie das wirklich so emfindet?
Nein, das wolle sie ja gar nicht. (Tut sie aber! *seufz*)
Aber es sei unfair, dass ich Ihren Sohn bestrafen wolle.
Ich bin zunehmend amüsiert: „Wann habe ich ihn denn bestraft? Ich habe Sie lediglich informiert.“
Ja aber, wenn er diese Nachricht nun nicht unterschreiben hätte lassen, dann hätte ich ihn doch sicher bestraft.
Die Situation wird so absurd, dass ich mir ein überraschtes Grinsen nicht mehr verkneifen kann. In welches Jahrhundert sind wir denn da gerade gerutscht?
„Ich finde es interessant, dass Sie davon ausgehen. Aber davon war nie die Rede. Ich habe Sie einfach nur informiert wissen wollen.“ Ich spreche das Kind an: „Was habe ich gestern zu dir gesagt, als die Nachricht an deine Mama dann geschrieben war?“
Das Kind zitiert mich beinahe wörtlich „Es wäre schön, wenn du mir vor 8 selbstständig die Nachricht zeigen würdest.“
Die Mutter ist baff. Keine Strafe? Kein Drama? Nur eine Information….das konnte sie sich nicht vorstellen. Nun fängt sie an, sich bei mir zu bedanken. Selten hätte sie eine so nette Lehrerin kennen gelernt und außerdem „wünsche ich Ihnen noch einen schönen Tag!“.

Hopppala…

Interessant…

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