Der Tag der Schuleinschreibung oder „Gottes dritte Garnitur“


Bevor ich von meinem gestrigen Ausflug in all die Vielfalt der menschlichen Wesen erzähle, muss ich bei meiner heutigen
Titelwahl direkt auf Guido Maria Kretschmer verweisen, an dessen Ausdruck (Gottes dritte Garnitur) ich gestern schon bei meiner ersten Mutter denken musste.

Der Tag der Schuleinschreibung bedeutet für uns Grundschullehrer (an meiner Schule jedenfalls) folgendes: An diesem Nachmittag/Abend testen wir die kleinen Vorschüler, die im September in die Schule kommen werden/wollen/sollen/können (das zeigt sich dann meist ja schnell) auf ihre Schulfähigkeit und erledigen den ersten Schriftkram mit den dazugehörigen Eltern.

An meiner Schule ist das (wie an sicher den meisten Schulen) sehr gut koordiniert. Die Eltern erhalten frühzeitig einen Infobrief mit Datum, Uhrzeit und der Liste an Unterlagen, die sie mitbringen sollen (= Geburtsurkunde :-)).  Bei uns angekommen warten die Eltern samt Kind in einem der Wartezimmer, wo das Kind etwas bastelt bis wir kommen und es abholen.
Wir, das sind immer zwei Lehrer (eine Lehrerin, die in der ersten/zweiten Klasse unterrichtet und eine Lehrerin, die in der dritten/vierten Klasse ist). Die Kollegin aus 1/2 macht das Schulespiel mit dem Kind, während ich mit den Eltern die Formalien regele (und ab und zu tauschen wir).

Ich empfinde diesen Tag immer als etwas ganz besonderes, da man so unheimliche viele Menschen trifft und vorher nie weiß, was einen erwartet.
Manchmal ist man einfach froh, dass überhaupt Eltern kommen. In der ersten Stunde erscheint bei uns nur die Hälfte der bestellten Eltern&Kinder. Als ich nach drei Stunden wegen eines Antrags kurz im Sekretariat stehe, höre ich meine Konrektorin am Telefon nachfragen: „Sie waren was? Für wann? Ach vor drei Stunden! Ja, dann kommen sie eben bitte jetzt noch!“

Hier also meine Highlights der gestrigen fünf Stunden (wir sind eine große Schule mit 160 baldigen Erstklässlern, sodass wir da einen ganzen Nachmittag bis in den Abend hinein zu tun haben):

Mutter Nr.1 lässt mich wie eine Klosterschülerin aussehen. Sie trägt ein tieeeeefes Dekolletee, damit das große farbige Herztattoo gut zu sehen ist. Nein, nicht das ♥, wie ihr jetzt vielleicht denkt! Das Organ! Ja, mit vielen Venen und Arterien, die sich von der Brustkorbmitte bis über die Schultern zu den Armen hin entwickeln. Ich konnte ihr kaum in die Augen sehen, da mein Blick abwechselnd wie magisch von dieser Tätowierung und den extrem geweiteten Ohrlöchern angezogen wurde. Da ich selbst ein Piercingfan bin, dachte ich von mir, dass ich vom Körperschmuck nie auf Einstellungen von Personen schließen würde, doch ich wurde eines besseren belehrt. Nach unserem kleinen Dialog, bei dem sie sehr viel erzählte und ich mir meist auf die Zunge biss und ein „Hm“ hervorwürgte, war mir klar, dass ich irgendwie insgeheim davon ausgegangen war, dass Menschen, die mit dem Tragen von solchem Körperschmuck an gewissen Konventionen kratzen, sicherlich offen und tolerant anderen Menschen gegenüber eingestellt sind. Ja, dieses Vorurteil war da, ohne dass ich mir dessen bewusst war, bis sie es zerstörte und zwar mit folgender Gesprächseröffnung:
„Also, ich will ja nicht, dass meine Kleine in diesem Ghetto hier in die Schule geht. Wissen Sie, ich habe sie an einer Pri-vat-schu-le angemeldet. Die kennen Sie sicherlich nicht, die heißt Je-na-plan-schu-le“ (anscheinend wirke ich –abgelenkt vom Anatomie-Tattoo und Ohrringen wie Autoreifen- reichlich dümmlich, sodass sie glaubt, die wichtigen Wörter sehr be-to-nen zu müssen). An der Jenaplanschule arbeitet eine liebe Freundin von mir, doch ich entscheide mich für ein diplomatisches „Mhm“.
„Ich weiß gar nicht warum, aber vor zwei Tagen wurden wir abgelehnt…“
Ich denke „ach nein, ich kann mir jetzt gar nicht vorstellen woran das liegen könnte“, sage aber so freundlich wie möglich „Aha“.
„…und nun müssen wir HIERHER. Aber ich will keinesfalls dass meine kleine Jamila-Sophie in eine Klasse mit so viele Ausländern kommt. Ich meine, die haben sonst sicher einen schlechten Einfluss auf sie. Nur, dass Sie da gleich Bescheid wissen!“
Ich sehe vor meinem inneren Auge Hape Kerkelings Horst Schlämmer, wie er mir ein „weißte Bescheid, Schätzelein“ zuraunzt. Ich unterdrücke mein sarkastisches Schmunzeln und antworte mit all meiner verbliebenen diplomatischen Fähigkeit „Ahja.“
Nachdem alle anderen Formalien geklärt sind, erkläre ich, was die Kinder bei uns an Toleranz lernen können und wie verschiedene Kulturen einander bereichern können (und schicke kurz eine Bestellung ans Universum, dass diese Mutter bitte nicht im übernächsten Turnus meine nächste Elternsprecherin wird).

Tja, es konnte nur besser werden.

Und das wurde es vorerst auch wirklich:
Mama Nr.3 ist eine Deutsche, die aber zum Islam übergetreten ist für Ihren türkischen Mann. Sie ist sehr kräftig, sodass ich mich kurz wie ein Rehlein fühle und komplett verhüllt. Da meine 1/2-Kollegin sich gerade mit dem Chef um eine Zurückstellung von Kind Nr.2 (mit einer überraschen unauffälligen Mutter) bemüht, darf nun meine LAA ran. Ich teste den kleinen Mustafa und sie soll das Formular (zum ersten Mal allein) mit den Eltern ausfüllen, nachdem sie schon einige Male dabei zugesehen hatte. Während der kleine Junge eifrig ein vorgegebene Muster nachzeichnet, höre ich hinter mir:
„Also, hat er denn noch Geschwister?“
„Ja, neun Stück.“
„Oh, das ist ja…..schön. Da brauche ich jetzt….äh…“
„Von allen die Geburtsjahre, das müssen Sie hierhin schreiben.“ Ich höre ein leichtes Klopfen. Anscheinend wurde gerade die entsprechende Stelle auf dem Formular gezeigt.
„Oh, danke….ich mache das nämlich zum ersten Mal.“
„Achso, ja keine Sorge, wir machen das zum zehnten Mal, wir kennen uns da aus und helfen Ihnen dabei.“

Mama Nr.4 ist toll. Eine Traummutter, sie kann mich in fehlerfreiem Deutsch begrüßen, reicht mir unaufgefordert die Hand und hat die Geburtsurkunde dabei! Sie ist eine der wenigen an diesem Tag.
Und dann…stellt sie einen Gastschulantrag, da der Hort ihres Kindes deutlich näher an einer anderen Schule ist. *seufz*

Es folgen ein paar Zurückstellungen, viele Kinder, die zum Sprachtest dürfen und zwei autistische Geschwister, die uns drei Lehrerin gut auf Trapp halten, sowie später auch in chronologischer Reihenfolge das Team des Sprachscreenings, die beiden Beratungslehrer und die Schulleitung. Das Zimmer meines Chefs ist nun neu „dekoriert“.

Mama Nr.gefühlte137 sieht aus wie knappe 16 und stellt während der gesamten zwanzig Minuten keinen Augenkontakt her, was ich gruselig finde. Dabei hat sie einen hübschen Sohn dabei (der auch keinen Augenkontakt herstellt) und eine quirlige Frau im Survival-Outfit (Anglerjacke und großer Karabiner an der Jeans mit vieeelen Schlüsseln), die sich als die Familienhelferin vom Jugendamt herausstellt.
Die Mutter lebt „schon lange“ hier, das Kind habe man vor kurzem in Äthiopien wieder „gefunden“. Wo es gewesen sei und wer es betreut habe, wissen weder Mutter noch Jugendamt, aber „Hauptsache nun ist er da“. Diese Infos bekomme ich von der Jugendamtsdschungelkämpferin. Die Mutter fläzt in ihrem Stuhl, kaut Kaugummi und schaut gelangweilt an die Decke. Sie reagiert selbst dann erst verzögert, als ich sie frage, wie man den Namen des Kindes ausspricht. Als ich mich dann auch noch erdreiste, nach ihrer Telefonnummer zu fragen, die in meinem Formular fehlt, rollt sie genervt die Augen und murmelt, die habe sie doch erst vor ein paar Wochen dem Jugendamt geben müssen. Bevor ich etwas erwidern kann, greift Ms.Survival ein und erklärt geduldig, dass dies ja aber nun eine andere Stelle sei und auch hier die Nummer nötig wäre. Langsam verstehe ich das Outfit, denn ich erahne, dass diese Frau in ihrem Beruf viele Kämpfe auszufechten hat.
Die Mutter kramt umständlich das Handy heraus und scrollt sich so lange durch ihr Menü, bis die Familienhelferin ihr eigenes Mobiltelefon herausholt und mir die Nummer diktiert.
(Hier wird eine zweite Bestellung beim Universum abgeschickt).

Mein Fazit:
Ich treffe an einem solchen Tag auf unheimlich viele nette, nervöse, aufgeschlossene, freundliche und höfliche Eltern, die sich mit ihrem Kind auf die Schule freuen, ein bisschen aufgeregt sind, ob es auch geeignet ist und sich mir gegenüber sehr angenehm verhalten.
Aber das andere Drittel (ja, da übertreibe ich diesmal leider gar nicht), das sich für nichts interessiert, das einzige Dokument (die Geburtsurkunde) nicht dabei hat, nicht weiß, wie der Kindergarten heißt, den das Kind seit drei Jahren besucht, sich rassistisch äußert, mir erklären will, wie die Welt funktioniert und das Kind nach dem Test und dem Vorschlag für eine Sprachlernklasse (da zuhause kein Deutsch gesprochen wird, die Eltern sich kaum verständlich machen können und entsprechend wenig Wortschatz beim Kind vorhanden ist, was wir soooo natürlich gar nicht sagen) in der Muttersprache so anraunzen, dass ihm die Tränen in die Augen steigen…..diese Eltern prägen sich mir ein….und diese Kinderschicksale sind es, die mich beschäftigen.
Und dann denke ich mir, wie gern ich an meiner Schule bin. Gerade diese Kinder brauchen jemanden, der den Job mit ganz viel Herzblut macht und der sich nicht scheut, den Eltern in der Sprechstunde statt Lerntipps erst einmal die Grundlagen der Hygiene und Ernährung zu vermitteln, zu erklären, dass Kinder im Winter eine dicke Jacke brauchen und dass Knoppers kein gesundes Frühstück ist, auch wenn die Werbung das sagt….
Ich liebe meinen Job und ich glaube, da bin ich genau richtig. Da passiert ganz viel, ganz basal und ganz wichtig….

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