Trillerpfeife zerstört Kinderseele


Zum zweiten Mal bin ich in diesem Schuljahr Betreuungslehrerin (BL). Ich bin also die Ansprechpartnerin einer jungen Lehramtsanwärterin, die sich im ersten von zwei Referendariatsjahren befindet. Sie hat eigenverantwortlich 8 Stunden zu unterrichten und in der restlichen Zeit hospitiert sie überwiegend in meinem Unterricht.
Sehr gerne habe ich im letzten Schuljahr schon einmal diese Aufgabe übernommen und dabei einiges für mein (Lehrer)leben gelernt und überraschende Erkenntnisse gewonnen, auf die ich wohl in einem eigenen Beitrag eingehen müsste :o) Es war spannend, aufregend, nervenzerreißend und phasenweise extrem schwierig. Dennoch (und vielleicht gerade deswegen….so nach dem Motto „gleich wieder rauf aufs Pferd“) habe ich mich, nachdem mein Rektor explizit darum bat, bereit erklärt, es in diesem Schuljahr noch einmal zu versuchen.
Diesmal habe ich eine absolut nette und dermaßen willige Referendarin erhalten! Das Universum entschädigt mich gerade sehr für die erste BL-Erfahrung. Natürlich ist meine LAA oft überfordert und leicht chaotisch, aber wer von uns war das im Referendariat nicht? Aber sie WILL lernen und das Unterrichten bereitet ihr Freude. Das finde ich wichtig und gerne bespreche ich dann nachmittags Unterrichtsstunden vor oder nach oder beides und lese in den Ferien oder an Wochenenden Stundenverläufe für den nächsten Besuch der Seminarleitung, gebe Tipps und steuere Ideen und Material bei.
Es stellte sich nun jedoch die erste Stundenaufgabe, bei der ich diesmal leider wenig behilflich sein konnte: Sportstunde.
Ich selbst habe Sport nicht studiert und bin leider selbst auch sehr unsportlich. Ich gehe jede Woche zweimal zum Zumba (und habe das auch den Kinder schon erfolgreich nahe gebracht) und einmal wöchentlich zum Gerätetraining, ich mag Pilates und Yoga (letzteres auch sehr gerne am Ende meiner Sportstunden), spiele im Sommer auch mal Badminton, aber damit hat es sich. Figürlich bin ich leider der eher „weibliche“ Typ und beweglich bin ich leider so gar nicht.
Sport unterrichte ich wirklich sehr gerne, bilde mich regelmäßig fort (habe  z.B. extra einen Eislaufschein gemacht, damit ich mit der Schulklasse auf die Eisbahn darf und ihnen das Schlittschuhlaufen auch wirklich beibringen kann) und habe kein Problem auch mal über den Boden zu kugeln oder zu Hüpfen und Übungen vorzuzeigen. N ur  von Großgeräten halte ich mich im Sportunterricht eher fern, besonders da das versicherungstechnisch für unausgebildete Lehrkräfte eine Grauzone darzustellen scheint.
Ich riet meiner Lehramtsanwärterin deshalb diese Stunde mit der Klasse durchzuführen, die sie im Sachunterricht hat, denn das ist die Klasse des Sportwartes unserer Schule. Ein durch und durch sportlicher Typ, der  dies auch studiert hat und dessen Klasse entsprechend fit im Auf- und Abbau von Groß- und Kleingeräten ist.
Es handelt sich um eine sehr brave, leise Klasse, sodass die Voraussetzungen für eine Sportstunde auch wunderbar gegeben waren. Außerdem erbot sich besagter Kollege weiterhin sogar, die Stunde gegenzulesen und ggf. Tipps zu geben. Ebenso konnte die Referendarin bei seinen Sportstunden hospitieren und selbst eine Stunde im Vorfeld abhalten.
Und iiiiiich war direkt mal fein raus aus der Nummer und musste mein sportliches Unwissen nicht demonstrieren 🙂 …. dachte ich.
Bis zu einem Gespräch mit meiner LAA. Wir unterhielten uns über den Stundenverlauf, die bisherige Vorarbeit und sie äußerte, dass sie nur noch etwas Sorge hätte, die Kinder könnten in der großen Halle vielleicht nicht so gut auf ihre Signale reagieren, wie sie es im Klassenraum gewöhnt sei.
Und dann zeigte ich all mein sportliches Unwissen in einem Satz, der meine Lehramtsanwärterin sofort erschrocken nach Luft schnappen ließ.
„Naja, du hast doch dann sicher auch eine Pfeife, um auf dich aufmerksam zu machen.“
Oh nein! Das sei doch gar nicht zulässig. Also, das habe sie gleich zu allererst im Seminar zum Thema Sport gelernt. Eine Trillerpfeife wäre viel zu militärisch und sei kein akzeptables Mittel für den Unterricht mit Grundschulkindern.  Handzeichen und Symbolkarten, das müsse eingeführt sein, aber eine Pfeife…undenkbar! Man denke nur an die armen Kinderseelen.
Äh ja…ich murmelt etwas von „habe ja leider kein Sport studiert“ und „muss jetzt auch noch was kopieren“ und noch etwas in die „benutze ich ja auch nur gaaaanz selten“-Richtung und verdrückte mich unauffällig.
Tja, ertappt! Ich zerstöre Kinderseelen, indem ich im Sportunterricht eine Pfeife verwende, wenn die Kinder zum Beispiel im Spiel gegen eine Regel verstoßen oder ich dieses beende und einen Stehkreis bilden möchte. Und das tue ich absolut ahnungslos und systematisch seit mehreren Jahren zweimal in der Woche.
Bei einer schulhausinternen Sportfortbildung eine Woche später, die besagter Kollege abhielt, schnitt ich das Thema an.
„Verwendest DU eigentlich eine Trillerpfeife?“
Und was antwortet der geschulte Kollege mir daraufhin lächelnd?
„Ach weißt du, die brauche ich nicht, ich kann echt laut schreien.“

Ja, Trillerpfeifen zerstören zarte Kinderseelen. Kinder anbrüllen dagegen…
Wie auch immer. In  den Ferien habe ich mir (in einem Sportgeschäft) eine gelbe und rote Karte in der Fußballabteilung gekauft (weil die so schön leuchten, wie man das mit selbstlaminierten Karten doch irgendwie nicht hinbekommt) und mir fest vorgenommen…
weniger zu pfeifen 🙂

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2 Gedanken zu “Trillerpfeife zerstört Kinderseele

  1. Hallo Frau Streng,

    da ich durch einen kleinen Google-Ausflug zum Thema „Einsatz von Trillerpfeifen im Sportunterricht“ auf Ihre Seite gestoßen bin, möchte ich Ihren Beitrag gerne kommentieren: Ich habe Sport studiert und war als Diplom-Sportlehrer auch schon an diversen Schulen im Einsatz. Ohne die Situation in Bayern genau zu kennen (ich komme aus NRW), möchte ich behaupten, dass es wahrscheinlich keine (Schul-)Vorschriften gibt, die den Einsatz von Pfeifen im Sportunterricht regeln. Allerdings gibt es für den sparsamen und wohl bedachten Einsatz von Pfeifen gute Argumente. In den großen Sportspielen (Fußball, Basketball, Handball etc.) gehören sie zur Spielleitung schlicht dazu. Hier kann es wohl keine Stimme – und sei sie noch so kräftig – mit dem andauernden Lärmpegel aufnehmen. Allerdings weiß ich von meinem Sohn (3. Klasse Grundschule), dass sein Schwimmlehrer häufig versucht, seinen Mangel an Souveränität, Autorität und fachdidaktischem Verständnis durch eine inflationäre „Pfeiferei“ auszugleichen – und regelmäßig mit diesem Versuch scheitert. Das Pfeifen in der Schwimmhalle (mit ihrer besonderen Akustik) tut den Kindern oftmals einfach weh und lässt ihnen die Ohren klingeln. Und ja, in dieser Hinsicht hat es etwas Militärisches – genau so übrigens wie ständiges Schreien. Ich weiß nicht wie Sie es in Ihrem Fachunterricht in der Klasse halten, aber ich hoffe, dass Sie dem sicher manchmal vorhandenen Lärmpegel nicht durch noch mehr Lautstärke begegnen. Und mit Verlaub: Genau diese didaktischen Finessen unterscheiden manchmal einen studierten Sportlehrer von jenen, die das Fach ohne ein entsprechendes Studium unterrichten (müssen). Warum gerade der Sportunterricht mit seinen besonderen räumlichen, gerätegebundenen, sozialen und didaktischen Eigenheiten dazu geeignet sein soll, dass in in jede(r) unterrichtet, der/die mag, wird mir ein ewiges Rätsel bleiben. Einziges Bildungsziel scheint hier der Spaß zu sein. Passt ja auch in unsere Zeit! Dass die Kinder (auch im Grundschulalter) zum Teil mit erheblichen koordinativen Defiziten sowie Haltungsfehlern und -schwächen zu kämpfen haben und insofern einen qualitativ hochwertigen Sportunterricht verdienen, fällt dabei leider oft unter den Tisch. Und dass Ihr Sportkollege es auch nicht „besser“ macht, ist für seine Schüler nur ein schwacher Trost. Guter Sportunterricht ist jedenfalls mehr als „Ball in die Mitte und los. . .“. Wenn Sie sich nun dazu entschieden haben, die Pfeife seltener einzusetzen, so ist das meines Erachtens ein ebenso lobenswerter wie sinnvoller Entschluss. Sie müssen nicht mal Kinderseelen zerstören wollen – die (ohnehin beim Sport stark beanspruchten) Ohren (auch Ihre eigenen!) reichen schon aus!

  2. Huch 😉
    Danke für den ausführlichen Kommentar.
    Nur ganz kurz zum Ablauf in Bayern (bzw. meinem Regierungsbezirk): Es hat gefälligst jeder Grundschullehrer Sport zu unterrichten, egal, ob er möchte oder nicht und leider auch unabhängig davon, ob er es studiert hat oder nicht!! (Ebenso wie Kunst und Musik, nur dass da eben die Verletzungsgefahr deutlich geringer ist).
    Ich persönlich schreie in der Halle nicht, da hätte ich eh keine Chance. Ausnahmen sind meine Anfeuerungsrufe 😉
    Und meine Pfeife…die gebe ich nicht her. Ich vergesse sie zwar gerne mal in der Umkleide und bemerke es erst nach Ablauf der 90 Minuten, aber es gab auch schon einige Situationen, in denen ich Gott dafür nachträglich noch dankte, dass sie einen Menschen dieses Utensil erfinden hat lassen.
    Gerade bei einer Prügelei um einen Ball ist sie das (mir bisher einzig überzeugende) Mittel die nicht prügelnden Kinder SOFORT aufmerksam zu machen, sodass ich mich den Streithähnen nähern kann ohne umgerannt zu werden. Ich freue mich, dass dies im Sportunterricht bisher ganz selten der Fall war, aber es kam vor. (Es kam übrigens auch schon auf dem Pausenhof zu ebendieser Situation und danach gab es ein paar Platzwunden zu nähen…was hätte ich da für eine Trillerpfeife gegeben).
    Und: der Sportkollege macht es sicher seeehr viel besser als ich.
    Seine Antwort zu meiner verwegenen Pfeifenfrage war selbstverständlich mit einem Augenzwinkern zu verstehen. (Ich dachte, das verstünde sich von selbst…ich muss wohl noch mehr Smileys verwenden). Ich würde meine LAA sicherlich nicht an einen Kollegen verweisen, der seine Schüler im Sportunterricht zusammenbrüllt (oder -pfeift).
    Ich hoffe, dass man meist aber erkennen kann, dass hier vieles mit einem kleinen Schelm im Nacken verfasst ist.
    Und ich hoffe auch, dass meine treuen Leser/innen wissen, mit welcher Leidenschaft ich diesen Beruf ausübe und mit welcher Hingabe ich die Kinderseelchen in meiner Obhut hüte und pflege!

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